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Serie Stadtleitbilder
Text

Hans Ulrich Obrist:
Da sind so viele Fragen, die ich Sie gerne fragen möchte, daß ich nicht weiß, wo ich beginnen soll.1

Herbert Stattler:
Fangen wir doch bei meiner neuen Arbeit, der Serie "Stadtleitbilder" an… die Idee dazu kam mir, als ich mich mit Wohnbausiedlungen der 1950er Jahre im Rahmen einer anderen Serie beschäftigte.

HUO:
Hatte diese Serie einen Namen?2

HS:
Ja, "Fassaden". Die Serie beschäftigt mich schon seit zwei Jahren. Ich baue Fassaden von Wohnsiedlungen der 50er Jahre aus dem europäischen Raum und Fassaden von heute aus Asien aus Papier, also als Papierobjekte nach. Kennzeichnend für die Fassaden in dieser Zeit ist die Aneinanderreihung der immer gleichen Elemente. Und mich interessiert dabei, wie das Bedürfnis nach Individualität der Bewohner sich in einer solchen Serialität der Bauelemente behaupten kann. Im Laufe der Recherchen bin ich auf einen Bericht des Forschungsprojektes „Vergleich räumlicher Stadtstrukturen auf Sozial- und Umweltverträglichkeit“ der Universität Dortmund gestoßen3. Kern des Berichts ist ein historischer Abriss der europäischen städtebaulichen Konzepte des 19. und 20. Jahrhunderts und ihren sozialen und ökologischen Aspekten. Interessant darin aber ist, und dies habe ich als Ausgangspunkt der aktuellen Serie "Stadtleitbilder" benutzt, eine chronologische Liste von Vorstellungen des idealen städtischen Raumes, beginnend Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich die Städte Europas und Nordamerikas massiv verändern mussten.

HUO:
Wie ist der Übergang zustande gekommen?4

HS:
Die Industrialisierung bewirkte, daß immer mehr Menschen vom Land in die Stadt strömten, während zuvor der Großteil der Bevölkerung in ländlichen Siedlungsstrukturen lebte. Das Wohnen und Arbeiten verlagerte sich in die Stadt. Diese Konzentration auf engstem Raum und in kürzester Zeit verursachte soziale und hygienische Probleme. Eine der anfänglichen Antworten darauf, und damit beginnt der Forschungsbericht, ist der Plan des Baurats James Hobrecht für Berlin.

HUO:
War es ein vollständiger Stadtentwicklungsplan?5

HS:
Dieser Generalbebauungsplan von 1862 sah große Baublöcke vor, um den enormen Zuwachs der Stadtbevölkerung zu bewältigen. Damit das System reibungslos funktionierte, entwarf Hobrecht breite repräsentative Straßenzüge in einem schachbrettartigen und in einem sternförmigen Muster. Auch kann man hier bereits Anklänge der späteren Aufgabentrennung von Stadtgebieten sehen, der Trennung von Wohnen und Arbeiten, und all ihren folgenschweren Auswirkungen.

HUO:
Aber es scheint ein perfekt gültiges und viel versprechendes Modell zu sein.6

HS:
Hobrecht hatte eine funktionalistische und profitorientierte Sichtweise auf die Stadt. Unabhängig von den vorhandenen Strukturen wurde der Stadt mittels Linien ein eigener Formalismus übergestülpt. Die Regulierung des Verkehrs, also eine funktionierende Infrastruktur, stand dabei ebenso im Vordergrund wie die maximale Grundstücksausnutzung. So entstanden ausgedehnte Wohnquartiere mit einer maximalen Verdichtung. Das Wachstumsprinzip wurde zu der Zeit noch nicht hinterfragt.

HUO:
Es ist auch interessant zu sehen, was in Asien passiert. Dort sind viele Leute aus dem Westen, Planer, die den Politikern erzählen, "Sie müssen vermeiden, daß die Art von Problemen, die wir in der westlichen Welt bereits haben, hier Wurzeln schlagen." Der Bürgermeister einer chinesischen Stadt erwiderte, daß sie zuerst alles haben und dasselbe Durcheinander erzeugen wollten und danach, vielleicht…7

HS:
Ich kann das gut nachvollziehen, sicher. Aber trotzdem gibt es einen Unterschied, nämlich in der Dimension. Während in den 1950er und 1960er Jahren in Europa Siedlungen für ungefähr 10.000 Menschen vom Reißbrett aus für die grüne Wiese entstanden, entstand jetzt zum Beispiel eine Siedlung in Shenzhen für 360.000 Menschen. Alleine in einem Turm leben 10.000 Menschen. Aber es gibt auch verblüffende formale Analogien von historischen Stadtidealen und heutigen Siedlungen.

HUO:
Wirklich?8

HS:
Wenn man sich den Generalsiedlungsplan Köln von Fritz Schumacher aus dem Jahr 1922 ansieht und mit der Palmeninsel von Dubai vergleicht, dann kann man nicht umhin, formal große Ähnlichkeiten zu erkennen. Beide haben ein Zentrum, von dem aus, wie bei der Krone einer Palme, radial Finger in das Umland greifen. Inwieweit das Kölner Modell da Vorbild war, und ob überhaupt, konnte ich nicht herausfinden. Die Ähnlichkeit der Form ist aber schon verblüffend.

HUO:
Ist es als Modell oder vielmehr als Werkzeugkasten dargestellt?9

HS:
Sie meinen, ob es eher modellhaft ist oder eher als ein Werkzeug zu verstehen? Das ist eine der zentralen Fragen. Betrachtet man die Modellzeichnungen, sind das Diagramme oder Schemata. Das heißt, sie stellen die Idee dar, als Skizze. Sie wurden aber weniger als Idee, denn als Bild gelesen. Wenn man sich die Idee des Londoner Büroangestellten Ebenezer Howard ansieht, also das Ideal der Gartenstadt, so schreibt er ausdrücklich direkt neben dem Diagramm der konkrete "Plan kann erst gemacht werden, wenn ein bestimmtes Terrain vorliegt". Gerade dieser entscheidende Hinweis wurde vielfach in den Überlieferungen entfernt. Sieht man sich die gebauten Umsetzungen der Ideale an, sind diese häufig direkt übernommen worden, eben als Bild. Diese, freundlich gesagt, subjektiven Interpretationen oder Übersetzungen sind nur kein neues Phänomen. Der Schweizer Architekturtheoretiker Schumann beschreibt ein sehr schönes Beispiel, das das Thema des Appendix zu meiner Serie sein wird10. Es handelt von den Überlieferungen der Idealstadt von Vitruv, die er in seinen "Zehn Bücher über Architektur" beschreibt. Mangels originaler Illustrationen können wir lediglich dem Text entnehmen, daß die Mauern der Stadt in Umgängen anzulegen seien und der Verlauf der Strassen im Inneren aus hygienischen Gründen nach den Himmelsrichtungen anzulegen sind. Vitruv beschreibt nun eine Rose aus acht Hauptwinden, an die das Strassennetz angeglichen wird, so daß es die Krankheiten aus der Stadt hinausbläst. Während der Dominikanermönch Fra Giocondo 1500 Jahre später in seiner Vitruv Ausgabe die Angaben noch wörtlich übernimmt, er eine dünne zarte Linie in einer Vieleckform über einem rechtwinkeligen Strassenraster zeichnet, schleichen sich anschließend Übersetzungsfehler ein.

HUO:
Das geschah einfach so?11

HS:
In einer Überlieferung 1567 von Daniele Barbaro wird aus der immateriellen Linie der Himmelsrose eine Stadtmauer oder eigentlich Befestigungsmauer. So rückte weniger die Hygiene als vielmehr die Verteidigung einer Stadt in den Vordergrund.

HUO:
Haben Sie sich für die manchmal utopische Dimension dieser Projekte interessiert?12

HS:
Naja, die Tragik der Utopie liegt ja schon per se in ihrer Unrealisierbarkeit. Mich interessiert an der Serie die Idee oder Methode des Ideals, bei der eine Vollkommenheit angestrebt wird. Platon entwirft im "Staat" eine Ideenlehre, bei der er im sechsten Buch die Mathematiker beschreibt. Diese ersetzen die Dinge durch gedachte mathematische Formen, die sie als Ideal, im Gegensatz zu den Dingen selbst, sehen. Diese idealen dreidimensionalen Körper, die bekannten Platonischen Körper, beschreibt er als ein in sich geschlossenes und geordnetes schönes Ganzes. Und genau diese "Schönheit" und das Denken in Figuren findet sich auch in sämtlichen Darstellungen der Ideale der Stadt wieder. Die mathematischen Grundformen wie Kreis, Quadrat oder Dreieck ziehen sich wie ein roter Faden durch alle visualisierten Stadtentwürfe, und dieser Formalismus beherbergt eben schnell die Gefahr zum reinen Dekor zu werden.

HUO:
Kahn sprach vom Ornament im Gegensatz zur Dekoration, nicht daß Dekoration hinzugefügt würde, sondern daß mit dem Ornament zwei Dinge zusammen kommen, die nicht zusammen gehören, wie eine Kreuzung.13

HS:
"Ornament und Dekoration" sind wichtige Stichworte. Meine Kritik bezieht sich auf die dem Ideal innewohnende formalistische Sichtweise, bei der inhaltliche Aspekte und Bezüge und Kontexte sekundär oder gar nicht behandelt werden. Aus diesem Grund nehme ich jeweils ein Stadtideal und spiegle es mehrfach um die horizontale wie vertikale Achse, so daß es sich zu einem Muster vervielfältigt. Damit wandelt sich der den ursprünglichen Skizzen eigene Formalismus in den Zeichnungen in einen multiplen Rapport, d.h. das Ornament wird zu einem Muster vervielfältigt, und somit zum Dekor.

HUO:
Darf ich Sie zum Abschluß fragen, an was Sie zur Zeit arbeiten?14

HS:
Gerade arbeite ich noch an den Zeichnungen des Appendix zur Serie. Danach werde ich mich mit einer anderen Form von Muster auseinandersetzen. Mir wurde ein Archiv einer aufgelassenen Stickfabrik angeboten, das Tausende von Stickvorlagen enthält.










[1] Hans Ulrich Obrist: Interviews Volume I, Edizioni Charta, Milan, 2003, S. 290.

[2] Ebd., S. 176.

[3] Franz Fürst, Ursus Himmelbach, Petra Potz: Leitbilder der räumlichen Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert – Wege zur Nachhaltigkeit?", Teilbericht des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungprojekts "Vergleich räumlicher Stadtstrukturen auf Sozial- und Umweltverträglichkeit" der Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung, 1999.

[4] Hans Ulrich Obrist: Interviews Volume I, Edizioni Charta, Milan, 2003, S. 159.

[5] Ebd., S. 92.

[6] Ebd., S. 181.

[7] Ebd., S. 847.

[8] Ebd., S. 266.

[9] Ebd., S. 281.

[10] Ulrich Maximilian Schumann: Ort und Plan, in: Die Stadt. Ihre Erfindung in Büchern und Graphiken, Hg. von ders., Harald Robert Stühlinger, Paul Tanner, Margit Unser, gta Verlag, Zürich, 2009.

[11] Hans Ulrich Obrist: Interviews Volume I, Edizioni Charta, Milan, 2003, S. 815.

[12] Ebd., S. 293.

[13] Ebd., S. 335.

[14] Ebd., S. 248.



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